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Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Hans-Thoma-Straße 2
76133 Karlsruhe
Tel. 0721 - 926 31 88; Fax 0721 - 926 67 88
E-mail: info@kunsthalle-karlsruhe.de
Di - So 11 - 18 Uhr, Mittwoch 11 - 20 Uhr
http://www.kunsthalle-karlsruhe.de
aktuelle Ausstellung / current exhibition
vorausgegangene Ausstellung / previous exhibition

 

 

1.5. - 13.6.1999


Raimund Kummer

"eyewatcher"

 

DER GROSSE BRUDER

In der hohen Kuppel der Orangerierotunde umspannt ein hohes Netz den Raum und faßt ein übergroßes Auge. Aufgrund seines Gewichts hängt dieses Glasauge aus Murano so in den Raum hinein, daß es die doch kräftigen Seile, immerhin Teile eines überlangen Schleppnetzschutzes, nicht nur als "Nerven" für die Weiterleitung der Eindrücke an die "Zentrale" nutzen kann, sondern sie selbst schon genügend belastet.

Es ist eine zwiespältige Sache, dieses Werk Raimund Kummers autark sehen zu wollen: eine doch durchaus gewöhnliche Prothese eines Glasaugapfels, die in der Dimension freilich nun jenseits des menschlichen Gebrauchs ist, ersetzt das Sehen und Anblicken nicht kosmetisch in der Augenhöhle, sondern mutiert zum Selbstzweck: Das vernetzte Auge sieht alles, zieht den Betrachter in seinen Bann, wirft wie eine Spinne seine Fäden und spiegelt zugleich den Raum, der zur Handlungsanweisung für den Betrachter wird. Man fühlt sich beobachtet, kontrolliert, verunsichert.

Die Architektur freilich unterstützt das Werk, indem die Rotunde das Gleiche intendiert: Es ist ein Zentralraum, der in Fußbodenzeichnung, der Glasfassung der Lichtkuppel und den vier gleichen Nischen auf den Mittelpunkt ausgerichtet ist und auf ein Zentrum verweist.

Raimund Kummer nutzt diese Erfahrung für seinen Augenraum, der den Wechsel zwischen Beobachtung und Beobachtet werden souverän ausspielt. Nicht alleine die Höhe der Skulptur macht das Werk gegenüber seinem Betrachter unangreifbar, das neugierige Auge selbst unterstützt die anscheinende Neutralität und Wertfreiheit als übergeordnete Instanz, die ihre Eindrücke quasi kommentarlos an jegliche Zentrale weitergibt: erfassend, ohne anzufassen.

Ist das Sehen anscheinend "cool", so ist das Auge, ein unmittelbarer Appendix des Gehirnes, selbst äußerst empfindlich, seine taktile Berührung schafft große Schmerzen, seine Zerstörung betrifft jenen Sinn, der vom Menschen als wichtigste, als elementare Wahrnehmung benannt wird. So berührt den Betrachter um so mehr die Kälte und Kraft dieser Skulptur, ihre immerwährende Wahrnehmung irritiert. So wird man einem Wechselbad von Empfindungen und Gefühlen ausgesetzt, die Skulptur wirkt damit im klassischen Sinne von Bildhauerei.

Eröffnung: 30. April 1999, 19 Uhr

 

 

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